Das Salz in der Suppe

Was das Märchen von Prinzessin Mausehaut uns über Loyalität und den Umgang mit Originalität sagt

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4. April 2020

Märchenhafter Erfolg

5 min.

Das Märchen

Ein König hatte drei Töchter; da wollte er wissen, welche ihn am liebsten hätte, ließ sie vor sich kommen und fragte sie. Die älteste sprach, sie habe ihn lieber als das ganze Königreich; die zweite, als alle Edelsteine und Perlen auf der Welt; die dritte aber sagte, sie habe ihn lieber als das Salz. Der König ward aufgebracht, dass sie ihre Liebe zu ihm mit einer so geringen Sache vergleiche, übergab sie einem Diener und befahl, er solle sie in den Wald führen und töten.

Wie in Märchen üblich, bringt der Diener es nicht fertig, die Königstochter zu töten. Stattdessen bittet sie ihn um ein Kleid aus Maushäuten, in dem sie unerkannt in das nächste Königreich fliehen kann. Dort bekommt sie eine Anstellung am Hof und darf dem König seine Aufwartung machen.

Abends musste sie ihm die Stiefel ausziehen, die warf er ihr allemal an den Kopf. Einmal fragte er, woher sie sei. „Aus dem Lande, wo man den Leuten die Stiefel nicht um den Kopf wirft.“ Der König ward da aufmerksam …

Es kommt zu Nachfragen, vor allem nachdem die Dienerschaft einen kostbaren Ring bei Mausehaut findet. Der König will es nun genau wissen und stellt weitere Fragen.

Da konnte sich Mausehaut nicht länger verbergen, sie wickelte sich von der Mausehaut los, ihre goldgelben Haare quollen hervor, und sie trat heraus, so schön, aber auch so schön, dass der König gleich die Krone von seinem Kopf abnahm und ihr aufsetzte und sie für seine Gemahlin erklärte.

Natürlich reicht das noch nicht für das Happy End:

Zu der Hochzeit wurde auch der Vater der Mausehaut eingeladen, der glaubte, seine Tochter sei schon längst tot, und erkannte sie nicht wieder. Auf der Tafel aber waren alle Speisen, die ihm vorgesetzt wurden, ungesalzen, da ward er ärgerlich und sagte: „Ich will lieber nicht leben als solche Speise essen!“

Da erinnerte seine Tochter ihren Vater an den Vergleich ihrer Liebe mit dem Salz, woraufhin der König sie um Verzeihung bittet…

… und es war ihm lieber als sein Königreich und alle Edelsteine der Welt, dass er sie wieder gefunden.

Liebe und Loyalität

Dieses Märchen beginnt mit dem König, der seine Töchter antreten lässt, um ihm ihre Liebe zu erklären. Es gibt Versionen des Märchens, in denen die Erbfolge als ein konkreter Grund für die Eröffnungsfrage genannt wird, und wir wissen, dass es im Märchen bei Königen und mehreren Kindern letztendlich immer darum geht, wer des Erbes wert ist. Damit verbunden ist auch die Frage, wer den alten König in Ehren halten wird.

Liebe und Loyalität liegen hier dicht beieinander, denn durch die Liebe seiner Töchter möchte sich der König ihrer Loyalität versichern. Die Frage ist: wie lassen sich Liebe und Loyalität messen? Wie lassen sie sich in Worten beschreiben? Die Töchter wissen um die Wichtigkeit der Antwort und versuchen ihr Bestes, die Beschreibung so treffend wie möglich zu gestalten.

Die ersten beiden Töchter sprechen dieselbe Sprache wie der Vater und bieten materielle Kostbarkeiten und Kleinode als Metaphern an. Die dritte hingegen weicht ab und bezieht sich auf eine alltägliche Sache, deren Besonderheit eben darin liegt, dass sie ständig zum Einsatz kommt und erst dann bemerkt wird, wenn sie fehlt. Deswegen kann der König den wahren Wert der Antwort erst erkennen, als ihm ungesalzenes Essen serviert wird. Seine erste Reaktion hingegen ist die Verbannung, weil er die Aussage seiner Tochter als Geringschätzung einordnet, die aus seiner Sicht nur zeigt, dass seine Tochter weder ihn noch ihre Liebe zu ihm respektiert.

Denkanstöße

Im Verlauf der Geschichte erfahren wir, dass die Tochter einiges an Gewitztheit zu bieten hat. Sie weiß sich zu helfen, indem sie ihr eigenes Leben rettet und im benachbarten Königreich sogleich eine Anstellung findet, ohne Scheu vor der niedersten Arbeit.

Die Klugheit und sprachliche Fertigkeit der jüngsten Tochter zeigt sich denn auch im Dialog mit dem König, zu dessen Diensten sie eingestellt wird. Ihre Antwort auf die Frage, woher sie denn sei – „Aus dem Land, wo man den Leuten nicht die Stiefel um den Kopf wirft“ – zeigt diesem König sehr geschickt, dass sein Verhalten nicht überall normal ist. Anstatt aber, wie ihr Vater, sie des Hofes zu verweisen, beginnt er sich für sie zu interessieren. Mehr noch: als er die wahre Natur von Prinzessin Mausehaut erkennt, nimmt er die eigene Krone vom Kopf und setzt sie ihr auf als Zeichen dafür, dass er sie als Gemahlin immer an seiner Seite haben will. Zwei sehr unterschiedliche Reaktionen auf ungewöhnliche Antworten!

Das Ergebnis ist entsprechend: der alte König trauert um seine verlorene Tochter, der neue König bekommt sie hingegen zur Frau. Der eine verdrängt und leidet darunter, der andere integriert, teilt seine Krone und feiert gemeinsam.

Individueller Ausdruck

Die Heldin unseres Märchens verliert zunächst und gewinnt am Ende durch eine ungewöhnliche und hochindividuelle Ausdrucksweise, die Dinge auf den Punkt bringt. Betrachten wir dies unter dem Gesichtspunkt der Loyalität, ergeben sich interessante Fragen für uns.

Inwiefern pflegen wir einen konstruktiven Umgang mit unterschiedlichen Ausdrucksweisen und Originalität? Sind wir in der Lage, in dem, was wir nicht sofort verstehen, einen Impuls zum Nachdenken zu erkennen? Oder ordnen wir entsprechende Äußerungen als Widerspruch und Rebellentum ein, um damit unsere sofortige Ablehnung sowohl des Inhalts als auch der betreffenden Person zu legitimieren?

Gerade in Bezug auf die Loyalitätsfrage ist unsere Haltung in dieser Frage wesentlich. Wie leicht lassen wir uns dazu verführen, Loyalität nur dort zu vermuten, wo unser Wertesystem durch eine bestimmte Ausdrucksweise bestätigt wird und erkennen nur diejenigen an, die bildlich unsere Sprache sprechen.

Verschiedene Sprachen

Unternehmenskulturen haben implizite Annahmen darüber, auf welche Weise legitim über bestimmte Themen gesprochen werden kann. Insbesondere die Tendenz, alles in zahlenmäßige Werte zu kleiden, führt häufig dazu, Informationen und Anliegen in allen anderen Formen als nachrangig und uninteressant zu betrachten, wenn nicht gar als störend. Gold und Edelsteine, ganze Königreiche werden verstanden; das unscheinbare Salz hingegen nicht.

Mehr noch: wenn die Loyalität derjenigen in Frage gestellt wird, die eine andere Ausdrucks- und Denkweise haben, erleiden wir Verluste – Verluste, die uns vielleicht erst nach und nach bewusst werden, wenn wir feststellen, dass Originalität und Innovation fehlen, dass eine Kultur oder ein Produkt geschmacksneutral und fad geworden sind.

Aufmerksamkeit als Wendepunkt

Ganz anders reagiert der junge König auf die Bemerkung zum Stiefel werfen: er wird aufmerksam. Das ist der Wendepunkt des Märchens und zeigt uns den Weg zum positiven Umgang mit Originalität. Die Aufmerksamkeit führt dazu, dass Mausehaut sich in ihrer vollen Schönheit zeigt, er ihr seine Krone aufsetzt und sie zur Gemahlin nimmt. Er honoriert damit ihren Mut, sich zu äußern, ihre Klugheit sich so zu äußern, dass er nachdenklich wird, und die Schönheit ihrer wahren Natur.

Mit anderen Worten: durch Achtsamkeit entsteht positive Neugier und die Bereitschaft, sich mit dem Ungewöhnlichen auseinander zu setzen – auch wenn es in zunächst befremdlicher Gestalt oder eigenartiger Sprache erscheint. Und möglicherweise findet man auf diesem Weg neue und ungewöhnliche Partnerinnern und Partner für ein erfolgreiches Miteinander.

Ein gemeinsames Festmahl 

Der alte König hat dies erst über den Umweg des ungesalzenen Festmahls gelernt. Durch seinen Fokus auf die Loyalitätsfrage im Rahmen seines eigenen durch Äußerlichkeiten geprägten Weltbildes konnte er die tiefere Bedeutung der Analogie des Salzes nicht verstehen. Liebe und Loyalität zeigen sich hingegen oft sehr viel weniger in großen Gesten als in alltäglichen Kleinigkeiten, wie die Königstochter wohl wusste.  

Für den König stellte sich das Salz als lebenswichtig heraus: Auf der Tafel aber waren alle Speisen, die ihm vorgesetzt wurden, ungesalzen, da ward er ärgerlich und sagte: „Ich will lieber nicht leben als solche Speise essen!“ Auf Salz will man nicht verzichten, egal wie einfach die Mahlzeit ist. Hingegen lässt sich ohne Gold und Edelsteine, sogar ohne ein Königreich, auch ein gutes Leben führen.

Was für eine kluges Bild, um verlässliche Liebe und Loyalität zu demonstrieren! Vielleicht ermutigt uns das, auch zunächst befremdlichen Äußerungen mehr Aufmerksamkeit zu schenken und sie als Denkanstöße zu nehmen, anstatt ihnen mit Abwehr zu begegnen. Sonst laufen wir Gefahr, eines Tages unvermutet mit ungesalzenen Speisen konfrontiert zu werden – zum Beispiel durch das Fehlen einer wichtigen Person oder Tätigkeit, die wir durch unser eigenes Unverständnis abgewertet oder ausgegrenzt haben.

Wenn wir das Andere, das scheinbar Geringe und die Originalität stattdessen als das Salz in der Suppe erkennen, erleben wir eine Bereicherung – nicht nur für uns selbst, sondern auch für alle anderen, die an dem Festmahl im Sinne einer gemeinsamen Unternehmung beteiligt sind. 

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