Wir haben es in der Hand

Händewaschen und seelisch-geistige Gesundheit in Zeiten der Disruption

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21. März 2020

Menschen & Unternehmen

4 min.

In diesen Tagen lernen wir Vieles über die große Wirkung von kleinen Dingen und wieviel wir mit alltäglichen Gesten wie regelmäßiges Händewaschen bewirken können. Einfache Hygienemaßnahmen sorgen für eine saubere Ausgangslage, auf der schädliche Keime, Bakterien oder Viren keinen Nährboden finden. Hygiene – vom griechischen hygieia (Gesundheit) – ist nicht nur ein körperliches Thema. In unserem vernetzten Alltag und in Zeiten der Disruption brauchen wir Hygiene mehr denn je auch auf der geistigen Ebene.

Die Entdeckung des Händewaschens

Das Reinigen der Hände hat tatsächlich schon viele Leben gerettet. Anfang des 19. Jahrhunderts suchte der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis nach der Ursache für die hohe Sterblichkeitsrate in der ärztlichen Abteilung der ersten Wiener Klinik für Geburtshilfe. Hier starben zwei- bis dreimal so viele Mütter wie in der zweiten Abteilung derselben Klinik, die unter der Obhut von Hebammen und ihren Schülerinnen stand. Es gab dadurch auch Unterschiede in den Behandlungsmethoden: in der ärztlichen Abteilung wurden Leichen seziert und vaginale Untersuchungen durchgeführt, bei den Hebammen nicht.

Als in der ärztlichen Abteilung ein Kollege bei einer Leichensektion durch einen Studenten mit dem Skalpell verletzt wurde und mit einem ähnlichen Krankheitsverlauf wie eine Mutter im Kindbettfieber starb, wurde Semmelweis aufmerksam. Ihm fiel ihm auf, dass die Ärzte und Medizinstudenten häufig direkt nach Autopsien vom Seziertisch zur Untersuchung der Frauen wechselten, ohne ihre Hände besonders zu reinigen – sie nahmen das sogenannte „Leichengift“ direkt mit zu gesunden Patientinnen.

Hygiene und Achtsamkeit

Semmelweis führte also Hygienevorschriften ein. Nach jeder Leichensektionen und später zusätzlich vor jeder Untersuchung mussten Ärzte und Studenten ihre Hände und Instrumente in einer Chlorlösung waschen und desinfizieren. Damit konnte die Sterblichkeitsrate seiner Abteilung innerhalb weniger Monate signifikant gesenkt werden.

Dieser kurze Abriss zeigt auf, wieviel Hygiene mit Achtsamkeit zu tun hat. Von einem Seziertisch direkt zur Untersuchung eines lebenden Menschen zu wechseln erscheint uns heute als hochgradig gedanken- und respektlos gegenüber den Patientinnen. Tatsächlich genoss die Geburtshilfe einschließlich der Patientinnen damals ein geringes Ansehen unter Ärzten. Fehlende Aufmerksamkeit und mangelnder Respekt waren sicherlich auch ein Grund für die schlechte Resonanz auf Semmelweis‘ Forschungsergebnisse, die er Mitte des 19. Jahrhunderts veröffentlichte.

Der Semmelweis-Reflex

Obwohl Semmelweis mit seiner Studie ein erstes Beispiel evidenz-basierter Medizin lieferte, weigerten sich seine Zeitgenossen, seine Ergebnisse anzuerkennen und nahmen die einfachen Hygienevorschriften nicht ernst. Dass eine so einfache Maßnahme so viel bewirken könnte, sahen viele Ärzte nicht als segensreiche Entdeckung an, sondern als Angriff auf die herrschende Meinung und den Status der Medizin. Viele wollten sich auch nicht der Erkenntnis stellen, dass sie als Mediziner selbst Tod und Krankheit verursachen könnten. Erst einige Jahrzehnte nach Semmelweis‘ Tod begannen andere Ärzte, seine Erkenntnisse anzuwenden, bis sie zum selbstverständlichen Inventar medizinischer Prozesse wurden.

Semmelweis wurde durch seine Geschichte Namensgeber für das Phänomen der reflexartigen Ablehnung neuer Erkenntnisse und Entdeckungen durch die etablierte Wissenschaft, wenn sie geltenden Normen widersprechen. Statt den Urheber der Neuentdeckung zu unterstützen und weitere Forschung zu betreiben, wird dieser bekämpft, womöglich als „Nestbeschmutzer“, wie damals geschehen.  Man spricht hier vom Semmelweis-Reflex.

Hygiene für Geist und Seele

Das von Semmelweis entdeckte und zunächst so umstrittene Prinzip der einfachen Hygienemaßnahmen lässt sich auf Vieles anwenden. Ganz besondere Relevanz hat es inzwischen für die geistig-seelische Gesundheit oder Psychohygiene. Letzterer Begriff wurde schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Rahmen der Versorgung psychisch kranker Menschen geprägt. Die Psychohygiene greift aber nicht erst im Stadium eines Burn-out oder einer Depression. Wie das Beispiel von Ignaz Semmelweis zeigt, geht es bei Hygiene um grundsätzliches Verhalten in allen Fällen. Hygiene dient der Vorbeugung und ist daher für die Gesunden ebenso wichtig wie für die Kranken.

In Bezug auf unsere seelisch-geistige Gesundheit bedeutet dies eine regelmäßige Klärung und Reinigung unseres Geistes und unserer Emotionen als Grundlage der psychischen Gesundheit. Dies ist essenziell in Zeiten der Veränderung und Disruption. Durch die intensive Vernetzung und Informationsfülle in Beruf und Alltag bekommen wir ein Übermaß an Impulsen von außen, mit denen wir umgehen müssen. Es wird immer wichtiger bewusst zu selektieren, womit wir uns beschäftigen wollen und worauf wir unsere Energie lenken möchten.

Die Fähigkeit zur gesunden Selektion ist das Ergebnis einer guten Psychohygiene. Ähnlich wie das regelmäßige Händewaschen gilt es auch, unsere Gedanken und Gefühle laufend zu sortieren und zu säubern. Dann sind wir immer mehr in der Lage, bewusst zu entscheiden, welchen Gefühlen und Gedankengängen wir nachgeben wollen oder nicht. Welche Ideen und Vorstellungen, die von außen an uns herangetragen werden, greifen wir auf? Welchen davon geben wir Raum sich in uns zu entfalten und unser Handeln zu beeinflussen?

Innere Reinigung durch Reflexion

Diese seelisch-geistige Hygiene ist nicht nur Thema einer morgendlichen Mediation oder Achtsamkeitsübung. Wie mit dem Händewaschen ist es zum Beispiel im beruflichen Kontext enorm wirksam, nach jeder Besprechung eine Kurzpause zur Reflexion  und zum Durchatmen einzulegen.  Insbesondere nach anstrengenden oder kontroversen Meetings empfiehlt es sich, eine Form der inneren Reinigung durchzuführen. Auf diese Weise können wir verhindern, dass etwaiges „Leichengift“ im Unternehmen von Meeting zu Meeting weitergereicht wird. Wir schützen dadurch nicht nur die eigene seelische Gesundheit, sondern auch die der anderen.

Es ist dabei irrelevant, ob diese Besprechungen persönlich oder per Telefon oder Video stattfinden. Selbst E-Mails oder andere Schriftstücke tragen mehr in sich als die reinen Worte, wie jeder weiß, der schon einmal nach einer scheinbar banalen E-Mail in Rage geraten oder in Ängste verfallen ist. So können sich negative emotionale Viren in Unternehmen verbreiten, wenn wir keine psychohygienischen Gegenmaßnahmen ergreifen.

Kommunikations- und Emotionsviren

Diese Überlegungen gelten genauso für unseren Umgang mit Nachrichten in sozialen und anderen Medien. Welche Gedanken und Gefühle wollen wir daraus mitnehmen und weitertragen? Je besser unsere Psychohygiene ist, desto eher sind wir in der Lage uns zu entscheiden, wie wir mit unseren Reaktionen umgehen und welchen Virus wir weitergeben wollen. Dies ist auch eine Form des Respekts gegenüber unserem Umfeld.

Wir wissen inzwischen, wie Viren sich exponentiell verbreiten, sowohl körperlich als auch im Netz. Dasselbe gilt für Kommunikations- und Emotionsviren in Gruppen und Organisationen. Und wir wissen, dass Gefühle ansteckend sind – auch dann, wenn sie nicht bewusst geäußert werden. Deswegen kann unsere eigene Psychohygiene sehr viel bewirken. Wenn wir uns regelmäßig innerlich reinigen und klären, sind wir freier für neue Begegnungen und Entscheidungen, die zu besseren Ergebnissen führen.

Und tatsächlich haben Psychologen im Rahmen der Embodiment-Forschung herausgefunden, dass Waschrituale eine Wirkung auf den Geist haben. Menschen fühlen sich auch innerlich gereinigt und befreiter, nachdem sie sich körperlich reinigen. Das bewusste Händewaschen erweist sich also als einfachste Maßnahme sowohl für unsere körperliche als auch seelisch-geistige Gesundheit.

 

Hinweise zu Wegen der geistigen Klärung finden Sie auch in den Artikeln über den Anfängergeist, die Dialogkultur und das Symbolon®-Potenzialprofil mit Kunstwerken.

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