Teambildung bei den Bremer Stadtmusikanten

Wie individuelle Talente optimal zusammenspielen

Stadtmusikanten

5. November 2019

Märchenhafter Erfolg

5 min.

Es hatte ein Mann einen Esel …

So beginnt das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten, die ausziehen um gemeinsam in Bremen zu musizieren und mit einem einzigen Konzert bereits bekommen, was sie suchen.  Sie erreichen diesen im wahrsten Sinne des Wortes durchschlagenden Erfolg, indem sie ein vorbildliches Team werden und ihre individuellen Besonderheiten zum gemeinsamen Vorteil ausspielen. Das Märchen führt uns höchst anschaulich durch verschiedene Phasen der Teamentwicklung, von der Rekrutierung bis hin zum blinden Verständnis untereinander.

Rekrutierung: die gemeinsame Motivationslage

Beginnen wir mit dem Anfang: Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so daß er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen, aber der Esel merkte, daß kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen; dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden.

Der Esel begegnet auf seinem Weg nacheinander einem Hund, einer Katze und einem Hahn, die als Nutztiere alle vom Schicksal der „Entsorgung“ bedroht sind: sie sind alt und bringen ihren Eigentümern nicht mehr den erwarteten Nutzen (diese Situation kennen wir auch aus dem modernen Leben, aber das ist eine andere Geschichte). Daher verhalten sich alle auffällig (der Hahn z.B. kräht ununterbrochen), was den Esel veranlasst sie nach dem Grund dafür zu fragen.

Sobald er feststellt, dass  Hund, Katze und Hahn sich jeweils in derselben Situation wie er befinden, lädt er sie nacheinander ein, mit der wachsenden Gruppe als Musikant nach Bremen zu gehen. Mit jedem Neuzugang wird der Plan konkreter, wie wir an der Einladung an den Hahn sehen können:

„Ei was, du Rotkopf,“ sagte der Esel, „zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so muß es eine Art haben.“

Die Band gründet sich wie von selbst aus den sehr unterschiedlichen Charaktertypen, die einander normalerweise aus dem Weg gehen. Aber die Idee des gemeinsamen Abenteuers motiviert sie, sich zusammen zu tun. Getreu dem Grundsatz „erst wer, dann was“ finden sich die Tiere über ihre gemeinsame Grundhaltung, nämlich ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wir werden noch sehen, wie diese Grundhaltung den gemeinsamen Erfolg ermöglicht.

Konsolidierung: die Eigenarten schätzen lernen

Weiter geht’s:

Sie konnten aber die Stadt Bremen in einem Tag nicht erreichen und kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn machten sich in die Äste, der Hahn aber flog bis an die Spitze, wo es am sichersten für ihn war.

Von der Baumspitze aus sieht der Hahn ein Licht in der Ferne und benachrichtigt seine Weggefährten; gemeinsam beschließen sie, die Lichtquelle zu suchen in der Hoffnung, dort ein Haus zu finden. In der Tat kommen sie zu einem hell erleuchteten Räuberhaus.

Der Esel, als der größte, näherte sich dem Fenster und schaute hinein. „Was siehst du, Grauschimmel?“ fragte der Hahn.  „Was ich sehe?“ antwortete der Esel, „einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und lassen’s sich wohl sein.“

Wir sehen, wie die Mitglieder dieses Teams ihre unterschiedlichen Fähigkeiten unvoreingenommen akzeptieren; niemand erwartet, dass alle sich gleich verhalten. Mehr noch, sie beginnen, die Fähigkeiten der Einzelnen als Ergänzung zu sehen und erkennen, dass sie gemeinsam etwas erreichen können, was für jeden allein nicht zu bewerkstelligen wäre.

Performance: gemeinsam lösungsorientiert handeln

Aufgrund ihres effektiven Informationsaustauschs haben die Stadtmusikanten nun ein klares Ziel vor Augen:

Da ratschlagten die Tiere, wie sie es anfangen müßten, um die Räuber hinauszujagen und fanden endlich ein Mittel.

Das Team hat eine integrative Kultur entwickelt und kann eine gemeinsame Lösungen finden. Das Ergebnis der Beratschlagung ist genial, denn es integriert die Fähigkeiten der einzelnen Tiere zu einem effektiven Ganzen:

Der Esel mußte sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster stellen, der Hund auf des Esels Rücken springen, die Katze auf den Hund klettern, und endlich flog der Hahn hinauf, und setzte sich der Katze auf den Kopf. Wie das geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen insgesamt an, ihre Musik zu machen: der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte. Dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, daß die Scheiben klirrten…

Kein Wunder, dass die Räuber fluchtartig das Haus verlassen! Das Team als Einheit agiert mit sprichwörtlich durchschlagender Kraft, indem jedes Tier mit seiner Eigenart seinen Beitrag zum Gelingen leistet, und zwar sowohl beim Aufbau des Turms als auch beim Musizieren. Zur Belohnung gönnen Sie sich die Reste des Festessens.

Zusammenspiel im Schlaf

Aber das ist noch nicht das Ende, denn die Räuber kommen zurück, nachdem sich scheinbar alles beruhigt hat. Die Stadtmusikanten waren nämlich müde geworden und

suchten sich eine Schlafstelle, jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter die Tür, die Katze auf den Herd bei der warmen Asche, der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken…

Aus diesen Schlafstellen, die „jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit“ gesucht hatte, entsteht das große Finale eines perfekten Zusammenspiels im gemeinsamen Interesse ganz ohne explizite Absprachen. Lesen wir, wie es dem Delegierten der Räuberbande erging:

Der Abgeschickte fand alles still, ging in die Küche, ein Licht anzünden, und weil er die glühenden, feurigen Augen der Katze für lebendige Kohlen ansah, hielt er ein Schwefelhölzchen daran, daß es Feuer fangen sollte. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertüre hinaus, aber der Hund, der da lag, sprang auf und biß ihn ins Bein, und als er über den Hof an dem Miste vorbeikam, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß; der Hahn aber, der vom Lärmen aus dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom Balken herab: „Kikeriki!“ Da lief der Räuber, was er konnte…

Der Bericht an seine Räubergefährten fällt entsprechend gruselig aus, und die Räuber betreten das Haus nie wieder; den vier Bremer Musikanten gefiel’s aber so wohl darin, daß sie nicht wieder heraus wollten.

Damit hat das Team sein eigentliches Ziel erreicht: einen sicheren Ort für einen ruhigen Lebensabend. Und das mit einer sehr kurzen Reise und nur einem einzigen Konzert! 

Vielfalt als Erfolgsprinzip

Der Grundstein für diesen Erfolg wird bereits in der Rekrutierung gelegt. Eine gemeinsame Grundhaltung führt die vier „Spielleute“ zusammen: „wir nehmen unser Schicksal selbst in die Hand (indem wir uns auf den Weg nach Bremen machen) und wir verbinden uns aufgrund unserer verschiedenen Stärken (wir gründen eine Band)“. Deswegen ist das Team in der Lage, gemeinsam Lösungen zu finden, die für alle taugen; deswegen kann sich das Team iterativ und agil an Situationen anpassen; und deswegen spielt es wie im Schlaf zusammen.

Das Märchen zeigt uns par excellence, was die Voraussetzungen für ein hochperformantes Team mit völlig verschiedenen Charakteren sind: die Akzeptanz und Wertschätzung der Unterschiedlichkeit. Wie oft erwarten wir von einem Hund, dass er doch bitte Mäuse fangen solle; oder von einem Hahn, dass er doch bellen möge, um den Hof zu schützen. Oder derselbe Maßstab wird für Katze und Esel angelegt, um deren Leistung zu bewerten. Wieviel einfacher ist es hingegen, Esel, Hund, Katze oder Hahn so zu akzeptieren wie sie sind und ihre ureigensten Talente zu nutzen. Anstatt sich verbiegen und abgrenzen zu müssen oder die Talente im Konkurrenzverhalten gegeneinander auszuspielen, können auch scheinbar unvereinbare Charakterzüge in Verbindung miteinander zum entscheidenden Erfolgsfaktor werden. Wenn Unterschiede als Potenzial gesehen werden, ist das Agieren im Konzert miteinander nicht nur möglich, sondern auch äußerst fruchtbar.

 

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