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Des Kaisers neue Kleider und der Bumerangeffekt

Den Illusionen der Verführungen erliegt man nur allzu gern, wenn diese uns dort treffen, wo wir empfänglich sind und daher nicht klar sehen.

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3. September 2019

Märchenhafter Erfolg

5 min.

Aus dem Märchen von Hans Christian Andersen

Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf neue Kleider hielt, daß er all sein Geld dafür ausgab, um recht geputzt zu sein.  Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, kümmerte sich nicht um das Theater und liebte es nur, spazieren zu fahren, um seine neuen Kleider zu zeigen.

In der großen Stadt, in welcher er wohnte, ging es sehr munter zu; an jedem Tage trafen viele Fremde daselbst ein. Eines Tages kamen auch zwei Betrüger an; sie gaben sich für Weber aus und sagten, daß sie das schönste Zeug, das man sich denken könne, zu weben verstanden. Die Farben und das Muster wären nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Zeuge genäht würden, besäßen die wunderbare Eigenschaft, daß sie für jeden Menschen unsichtbar wären, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.

»Das wären ja prächtige Kleider,« dachte der Kaiser; »wenn ich die anhätte, könnte ich ja dahinter kommen, welche Männer in meinem Reiche zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen; ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, das Zeug muß sogleich für mich gewebt werden!«

Die Verführung

So beauftragte der Kaiser die Betrüger und gab ihnen alles, was sie forderten, um diese wunderbaren Stoffe zu weben und ihm Kleider daraus zu fertigen. Natürlich sprach sich das neue Projekt des Kaisers schnell herum:

Alle Menschen in ganzen Stadt wußten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und Alle waren begierig, zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.

Wie die Geschichte ausgeht, wissen wir: jeder bestätigt sich selbst und die anderen darin, wie schön doch der unsichtbare Stoff sei, um nicht als unfähig oder dumm dazustehen. Der Kaiser lässt sich überreden, die neuen Kleider bei dem nächsten Festumzug zu tragen, und das ganze Volk wohnt dem Anlass bei. Man übertrifft sich gegenseitig in Ausrufen der Bewunderung für die einmalige Garderobe: Keine Kleider des Kaisers hatten solches Glück gemacht, wie diese. Bis ein kleines Kind in der Menge das ausspricht, was alle sehen und nicht wahrhaben wollen: der Kaiser hat nichts an.

Meistens wird das Märchen als Posse auf Staatsbeamte und hochrangige Personen gelesen und metaphorisch auch in diesem Sinne verwendet. Es lohnt sich jedoch dieser Geschichte in ihren tieferen Facetten zu betrachten, weil sie sehr präzise Auskunft über die Motive gibt, die für nebulöse Versprechen empfänglich machen. Mehr noch, es zeigt wie die Pfeile, die wir aussenden, am Ende wie ein Bumerang uns selbst treffen.

Einfallstore für Betrüger

Als erstes erfahren wir, dass der Kaiser überaus großen Wert auf neue Kleider und die Präsentation derselben legt. Seine Eitelkeit und die damit verbundene Sucht nach Bewunderung machen ihn empfänglich für die angebliche Kunst der Weber, auch wenn davon noch nichts zu sehen ist.

Als nächstes tischen die Betrüger ein gewagtes Versprechen auf: die von ihnen gewebten prächtigen Kleider seien für jeden Menschen unsichtbar, “der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei”. Natürlich denkt der Kaiser als erstes an alle anderen und an den Machtzuwachs, den er durch dieses Wissen bekäme: ein großes Einfallstor für Verführung.
Die Reaktion des Volkes zeigt uns ein drittes Einfallstor für Verführung: Neid und Missgunst. Jeder will wissen, wie es um seinen Nachbarn bestellt ist, damit man sich selbst besser fühlt. Also ist man sehr geneigt, dem Versprechen der vermeintlichen Weber zu trauen, und sei es nur um es anderen heimzuzahlen.

Ein klarer Blick

All dies trübt den Blick für das, was schon in der Produktionsphase offensichtlich ist: die Kleider sind nicht etwa unsichtbar, sondern es gibt sie gar nicht. Sie existieren nur in der Fantasie, die durch das Gruppendenken bei Volk und Gefolge noch verstärkt wird. Bis ein Kind das Sichtbare ganz einfach ausspricht:

»Aber er hat ja nichts an!« sagte endlich ein kleines Kind. »Herr Gott, hört des Unschuldigen Stimme!« sagte der Vater; und der Eine zischelte dem Andern zu, was das Kind gesagt hatte.

»Aber er hat ja nichts an!« rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn es schien ihm, als hätten sie Recht…

Tja… einem kleinen Kind muss man glauben, denn es hat noch kein Konzept von Ämtern, Tauglichkeit und Klugheit und was diese Dinge in der Welt der Erwachsenen bedeuten; es ist unschuldig, weil Eitelkeit, Machthunger und Missgunst sich in seinem Wesen noch nicht ausbreiten konnten.

Der Bumerangeffekt

Den Illusionen der Verführungen erliegt man nur allzu gern, wenn diese uns dort treffen, wo wir empfänglich sind und daher nicht klar sehen. Aber die Quittung folgt alsbald: Erst als es zu spät ist erkennen das Volk, der Kaiser und sein Gefolge, dass es um sie selbst geht und nicht um die anderen; und sie werden in ihrer Kleingeistigkeit und Leichtgläubigkeit im wahrsten Sinne des Wortes bloßgestellt. Der Kaiser hat ja nichts an.

Wie ein Bumerang trifft die Märchenhelden also genau die Einsicht, die sie eigentlich über die anderen haben wollten, um sich selbst im Vorteil zu fühlen. Denn wer taugt schon für sein Amt, der solchen Versuchungen nicht widerstehen kann? Und wer wäre nicht unverzeihlich dumm, der auf diese Betrüger hereinfiele?

Dann bleiben nur noch das Verstecken aus Scham über die eigene Fehlbarkeit oder die Angelegenheit im Wissen um die eigene Nacktheit aufrechten Gangs zu Ende zu bringen:

… aber er dachte bei sich: »Nun muß ich die Procession aushalten.« Und die Kammerherren gingen noch straffer und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.

Was wir daraus lernen können

Nun sind nicht alle illusorischen Versprechen, mit denen wir es im Alltag zu tun haben, so offensichtlich wie im Märchen. Die Ideen, mit denen wir verführt werden, sind oft subtiler: vermeintlich neue Trends, die man nicht versäumen darf, nebulöse Erfolgsversprechen oder unrealistische Zeitpläne, um nur einige zu nennen. Die Empfänglichkeit für Verführungen finden wir häufig in Situationen, wo das Handeln nicht aus gemeinsamen Zielen entsteht, sondern aus einer individuellen Sucht nach Anerkennung, dem Bedürfnis nach Kontrolle und einer Angst vor der Blamage aufgrund von echten oder vermeintlichen Unzulänglichkeiten. Und bevor wir diese bei anderen ausmachen oder gar einen Vorwurf daraus stricken, lohnt es sich, den Bumerangeffekt vorweg zu nehmen und sich selbst zu prüfen, wo die eigenen Empfänglichkeiten und Motive liegen. Denn bekanntlich ist es immer leichter, sich selbst zu verändern als die anderen.

Gleichzeitig liefert das Märchen wundervolle Metaphern, um die Problematik einer möglichen Verführung zu thematisieren, ohne einzelne Personen anzugreifen oder bloßzustellen. Wir bekommen auch eine Ahnung davon, was eine kindliche Herangehensweise an die Realität bewirken kann. Wenn wir die Sichtweise eines unbefangenen Kindes wenigstens probeweise schon in der Entscheidungsfindung oder spätestens zu Beginn eines neuen Projekts einnehmen, kann uns dies vor vielen Fehlgriffen bewahren.

Wir können außerdem in entsprechenden Situationen vermeintlich simple oder naive Bemerkungen anderer daraufhin prüfen, ob sie eine einfache Wahrheit zum Ausdruck bringen, die wir im Eifer des Gefechts schlicht übersehen haben. Und zwar bevor wir in die unangenehme Situation des Kaisers kommen und die Prozession nackt beenden müssen.

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Swaan Barrett erzählt dieses und andere Märchen aus dem Business auch als lebendige Vorträge zu Ihren besonderen Anlässen.

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